Katharina Seuser

Landwirtschaft am nördlichen Rand Europas

Der finnische Verband der Agrarjournalisten hatte vom 31. Mai bis zum 3. Juni zu einer Pressereise in den Südwesten Finnlands eingeladen. Die Reise war ein voller Erfolg. 33 Journalisten und Journalistinnen aus zehn EU-Ländern besuchten das Land der glücklichsten Menschen der Welt. Das Programm bot Stoff für viele Berichte. Einige Eindrücke sind hier zusammengefasst.

Die Pressereise startete in Turku, Finnlands ältester Stadt und ehemaliger Hauptstadt. Rero Hemmilä, Vorsitzender der Finnischen Zentralunion landwirtschaftlicher Erzeuger und Forstbesitzer MTK, begrüßte die Gruppe. Er erklärte, dass sich finnische Landwirte denselben Herausforderungen stellen müssten wie Landwirte in anderen EU-Ländern: hohe Preise für Energie, Dünger und andere Betriebsmittel bei gleichzeitig niedrigen Marktpreisen für die eigenen Produkte. 

Dennoch würden Umweltbelange eine wichtige Rolle in der Agrarpolitik und der landwirtschaftlichen Praxis spielen. Er unterstrich: “In Finnland ist es nicht das Ziel, Standards einzuhalten, sondern nach der besten Lösung zu suchen.” Das sei herausfordernd, aber es mache die finnische Landwirtschaft resilient. 

In Zeiten geopolitischer Spannungen und Klimawandel müssen wir uns auf alle möglichen Szenarios vorbereiten.

Rero Hemmilä

Landwirtschaft und Verteidigung gehören zusammen

Wer die finnische Denkweise verstehen will, muss sich mit der Geschichte beschäftigen. Während des Besuchs des Sarka Landwirtschaftsmuseums in Loimaa erfuhren die Journalisten, warum die Landwirtschaft in Finnland so eine zentrale Rolle einnimmt. Timo Kaunisto von Agronommiliitto, dem finnischen Verband der Agronomen, erklärte: ”Die nordische Verteidigung basiert auf Landwirten und dem ländlichen Raum.” Wiederholte Angriffe von Russland seit dem 17. Jahrhundert hätten gezeigt, wie wichtig die Selbstversorgung mit Lebensmitteln für das Überleben der Finnen sei. Aus diesem Grund gehörten Landwirtschaft und Verteidigung in Finnland zusammen.  

Seit dem EU-Beitritt im Jahr 1995 hat sich die Struktur der finnischen Landwirtschaft verändert, und die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ist von 80.000 auf 40.000 zurückgegangen. Dennoch ist der Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln hoch (mit Ausnahme von Obst und Gemüse aufgrund der klimatischen Bedingungen).

Glückliche Schweine haben Ringelschwänze

Ein gutes Beispiel für die hohen Standards in der finnischen Landwirtschaft ist das landesweite Verbot des Schwanzkupierens bei Ferkeln. Obwohl das Schwanzkupieren in der gesamten EU bereits seit 2002 verboten ist, wurde dieses Verbot in anderen Ländern kaum durchgesetzt. Die Journalistengruppe traf Timo Heikkilä, einen Ferkelzüchter aus Rusko, der über Finnlands Grenzen hinaus für seine innovativen Produktionsmethoden bekannt ist. Er sieht Vorteile bei Schweinen mit Schwänzen: Einerseits sei der Schwanz ein Indikator für das Wohlbefinden der Tiere; andererseits habe die Gesellschaft mehr Respekt vor Landwirten, die sich für das Wohl ihrer Tiere einsetzen. “Du kannst am Schwanz eines Schweines erkennen, wie wohl es sich fühlt,“ sagte er, “bei gestressten Schweinen hängen die Schwänze herunter, während Ringelschwänze ein Zeichen für glückliche Schweine sind.”

Der Schlüssel zur Vorbeugung von Schwanzbeißen liegt darin, für Licht, frische Luft und Hilfsmittel zur Förderung der Aktivität wie Gummistäbe oder Stroh zu sorgen. Auf dem Heikkilä-Hof haben die Schweine stets Zugang zu frischem Stroh, das in Futtertrögen angeboten wird. 

Zum Schutz der Umwelt hat Timo Heikkilä ein innovatives Güllemanagement entwickelt: Der flüssige Anteil der Gülle, der einen geringen Phosphorgehalt aufweist, wird über ein elf Kilometer langes Rohrleitungssystem auf 500 Hektar umliegender Felder verteilt. Der trockene, phosphorreiche Anteil wird an landwirtschaftliche Betriebe geliefert, die Dünger benötigen. 

Ackerbau mit Schwerpunkt auf gesunden Böden

Aufgrund der kurzen Vegetationsperiode, der geringen Niederschläge im Frühjahr und des eingeschränkten Einsatzes von Düngemitteln, sind die durchschnittlichen Erträge im Ackerbau im Südwesten Finnlands nicht so hoch wie in westeuropäischen Ländern. Um die Rentabilität ihrer Betriebe zu sichern, legen finnische Landwirte großen Wert auf die Bodengesundheit. Einer von ihnen ist Ilmari Hunsa, der in Nousiainen 240 Hektar Ackerland und 100 Hektar Wald bewirtschaftet. 

Er nutzt Direktsaatverfahren, um die Bodenbeeinträchtigung zu minimieren, kalkt den Boden und hat eine vielfältige Acht-Frucht-Fruchtfolge eingeführt. Da der Anbau von Winterkulturen schwierig ist – viele Pflanzen vertragen die Kälteperiode nicht –, setzt er Deckfrüchte ein. Ilmari Hunsa beteiligt sich außerdem an einem Bodenanalyseprojekt, das eine präzise Düngung ermöglicht, und nutzt Satellitenüberwachung sowie einen Stickstofftester, um den Stickstoffbedarf der Pflanzen in Echtzeit zu messen.

Kümmel und Korinader als Untersaat.
Foto: Katharina Seuser
Der Kalksteinabbau in Pargas wird von Nordkalk betrieben, dem führenden Anbieter von Kalsteinprodukten in Nordeuropa. Die Geschichte des Unternehmens begann in Pargas im Jahr 1898; heute ist Nordkalk Teil des im Vereinigten Königreich angesiedelten Unternehmens SigmaRoc PLC Gruppe. Die Produkte von Nordkalk werden in der Landwirtschaft, im Baubereich und bei der Wasserbehandlung genutzt.
Foto: Katharina Seuser

Landwirtschaftsbetrieb und Saatgutunternehmen in einem

Ein Teil des Saatguts, das finnische Landwirte in Südfinnland verwenden, stammt von der „Seedfarm Salo“, einem Familienbetrieb in Mellilä, Loimaa. Der Betrieb und das Unternehmen werden von den Brüdern Niilo und Santeri Salo sowie ihren Eltern Markku und Päivi Salo geführt. Die „Seedfarm Salo“ ist Mitglied der „Tilasiemen“-Kette, einem landesweiten Netzwerk unabhängiger Saatgutverpackungsspezialisten in Finnland.

Niilo Salo erläuterte die Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens: Mit fast 30 Jahren Erfahrung hat sich die Familie Salo auf die professionelle Saatgutproduktion spezialisiert und baut auf einer Fläche von 380 Hektar eine Vielzahl verschiedener Kulturen an (Getreide, Hülsenfrüchte und Ölsaaten, Futterpflanzen und Gräser). Das Saatgut wird in sechs Silos mit einer Kapazität von 4.000 Tonnen gelagert; sechs weitere Silos mit derselben Kapazität befinden sich derzeit im Bau. Auch die Verpackung erfolgt auf dem Hof, und die Produkte werden direkt an die Kunden ausgeliefert. Niilo Salo führt den Erfolg des Unternehmens auf das Vertrauen der Kunden zurück. Zum einen sind sie Landwirte, genau wie ihre Kunden, zum anderen verfügen sie über Erfahrungen aus erster Hand, da sie auf ihrem eigenen Hof auch Sortenversuche für Tilasiemen durchführen

Die Landwirtsfamilie Salo verbindet einen Ackerbaubetrieb mit Saatgutversuchen, Saatgutproduktion und -vertrieb.
Foto: Katharina Seuser

Frühe Kartoffeln trotz frostiger Nächte

In Parainen, dem südwestlichsten Teil des finnischen Agrargebiets, sind die Böden sandiger und das Klima etwas wärmer als in den anderen Regionen Finnlands. Hier befindet sich der Betrieb Nulto, auf dem Roger Lindroos auf 500 Hektar eine breite Palette an Kulturpflanzen anbaut. Bereits in den 1990er Jahren spezialisierte er sich unter anderem auf den Anbau von Frühkartoffeln. Frühkartoffeln sind in Finnland eine saisonale Delikatesse zur Mittsommerzeit und erzielen gute Preise. 

Der damit verbundene Aufwand ist beträchtlich: Roger Lindrous pflanzt im März, und während der Wachstumsphase werden die Pflanzen durch eine Plastikfolie geschützt. In frostigen Nächten wird die Folienoberfläche bewässert, und das Gefrieren des Wassers setzt Wärme frei, die die Pflanzen schützt. Die Ernte beginnt im Mai und unterscheidet sich stark vom üblichen Einsatz der Vollernter: Um die empfindliche Erde zu schonen, werden die Pflanzen vollständig aus dem sandigen Boden gezogen, und die Erntehelfer pflücken die Kartoffeln vorsichtig von den Pflanzen ab. Roger Lindrous baut außerdem Himbeeren, Hülsenfrüchte, Ölsaaten und natürlich Getreide an. Er hat sich jedoch bewusst dagegen entschieden, Getreide in großem Maßstab anzubauen, da diese Kulturen auch in anderen Regionen Finnlands erfolgreich wachsen.

Die Frühkartoffeln werden als komplette Pflanze geerntet und anschließend von Hand vorsichtig vom Kraut getrennt.
Foto: Katharina Seuser
Roger Lindrous präsentiert stolz frisch geerntete Frühkartoffeln.
Foto: Katharina Seuser

Alle Landwirte und Betriebe – auch diejenigen, die hier nicht vorgestellt wurden – hatten eines gemeinsam: eine tiefe Leidenschaft für die Landwirtschaft und ihren Beruf. Wir hatten den Eindruck, dass Finnland nicht nur das Land mit den glücklichsten Menschen ist, sondern auch das Land mit den glücklichsten Landwirten.