Digitale Innovationen und Datentechnologien für Tierhaltungsbetriebe im Fokus
Die dritte ENAJ-EU-FarmBook-LBPT-Pressereise im Juli 2026 brachte Agrarjournalistinnen und -journalisten aus neun EU-Mitgliedstaaten sowie aus der Schweiz und Norwegen in der Bretagne zusammen, um eine der bedeutendsten Tierhaltungsregionen Europas näher kennenzulernen.
Die Pressereise wurde in Zusammenarbeit mit dem französischen Institut für Nutztierforschung IDELE in Rennes organisiert. Im Mittelpunkt standen digitale Innovationen, Datentechnologien und Nachhaltigkeit in der Nutztierhaltung. Die Teilnehmenden erhielten dabei direkte Einblicke in die Arbeit von Landwirten, Forschenden sowie Branchenexpertinnen und -experten.
Cooperl: Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Tierproduktion
Noch vor dem offiziellen Programmstart am 6. Juli in Rennes fand eine Vorab-Exkursion zum Thema „Schweinehaltung in der Bretagne“ statt, die ENAJ-Präsidentin Yanne Boloh organisiert hatte. Die Journalistinnen und Journalisten waren zu Gast am Hauptsitz von Cooperl Arc Atlantique in Lamballe-Armor. Die integrierte Genossenschaft ist einer der größten Schweineproduzenten und Schweinefleischverarbeiter Europas.
Der Vorstandsvorsitzende Bernard Rouxel begrüßte die Gruppe und stellte den Kreislaufwirtschaftsansatz der Genossenschaft vor. Er hob hervor, dass sämtliche Nebenprodukte genutzt würden. Vizepräsident Mickaël Benoit erläuterte die Bedeutung der Tierhaltung für die Bretagne, während Kommunikationsdirektor Bertrand Convers erklärte, wie umfangreiche Investitionen in Gülleaufbereitungsanlagen dazu beigetragen hätten, regionale Herausforderungen im Stickstoffmanagement zu bewältigen.
Die Journalisten besuchten zudem das FarmLab von Cooperl – eine Versuchseinrichtung, in der Innovationen in den Bereichen Futtereffizienz, Umweltleistung, Tierwohl, Genetik und digitale Technologien unter praxisnahen Bedingungen getestet werden.
Hohe Bedeutung von EU-FarmBook für den Innovationstransfer
Anschließend reisten die Journalistinnen und Journalisten nach Rennes weiter, um am Programm der ENAJ-EU-FarmBook-LBPT teilzunehmen. Im Institut Agro Rennes-Angers wurden sie von Patrick Sarzeaud, Senior Innovation Manager bei IDELE, begrüßt.
Sarzeaud hob die Bedeutung digitaler Innovationen in der Nutztierhaltung hervor und erläuterte die Rolle des Projekts EU-FarmBook, das durch das EU-Forschungsprogramm Horizon gefördert wird. Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer digitalen Plattform, auf der sämtliche Ergebnisse EU-finanzierter Projekte gebündelt und für die Praxis zugänglich gemacht werden. IDELE sei bislang an 40 europäischen Projekten beteiligt gewesen.
„Wir sind stolz darauf, dass wir im vergangenen Jahr als französischer Botschafter für das EU-FarmBook mehr als 2.000 Dateien bereitgestellt haben. Und natürlich werden wir unser Engagement fortsetzen“, sagte er.
Die Hauptrednerin Inge De Bo, wissenschaftliche Koordinatorin von EU-FarmBook und Forscherin für Biosystemsteuerung und gasförmige Emissionen in der Tierhaltung an der Universität Gent, betonte den offenen Zugang zu EU-FarmBook in 24 EU-Sprachen. „Sie können den KI-basierten Chatbot – den „Farm Assistant“ – in Ihrer eigenen Sprache befragen und erhalten die entsprechenden Übersetzungen“, erklärte sie.
De Bo ist überzeugt, dass dies eine besonders wichtige Funktion für Praktikerinnen und Praktiker sein wird. „Derzeit befindet sich die Plattform noch in der Entwicklungsphase“, sagte sie. „Jeden Tag werden neue Inhalte hochgeladen und weitere Verbesserungen umgesetzt.“
Yanne Boloh, Präsidentin von ENAJ, erläuterte die Rolle ihrer Organisation in der Zusammenarbeit mit EU-FarmBook und wies darauf hin, dass die Plattform zahlreiche interessante Geschichten für den Agrarjournalismus liefern könne. Indes verfolgten ENAJ und IDELE dasselbe Ziel: „Landwirtinnen und Landwirte dazu zu ermutigen, diese Innovationen auf ihren Betrieben einzusetzen“, sagte sie. Die Stärke der europäischen Landwirtschaft hänge von der Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Forschenden sowie zwischen Innovatoren und Praktikern ab.
Forschung und Innovation am Institut Agro Rennes-Angers und bei IDELE
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IDELE präsentierten aktuelle Projekte zu digitalen Technologien in der Tierhaltung.
Eine Exkursion zu den Versuchsbetrieben CIRBEEF und CIRVEAU von IDELE in Mauron ermöglichte den Journalistinnen und Journalisten, diese Innovationen in der Praxis zu erleben. Adrien Lebreton demonstrierte die Plattform MorphoR3D, die moderne 3D-Bildgebungstechnologien nutzt, um die Phänotypisierung von Rindern zu verbessern und Körpergewicht sowie morphologische Merkmale schnell zu erfassen.
Die Gruppe erhielt außerdem Einblicke in die zunehmende Nutzung von Drohnen zur Überwachung von Rinder- und Schafherden auf der Weide. Diese Technologie bietet erhebliche Arbeitserleichterungen und verbessert das Herdenmanagement.
Auf dem Versuchsbetrieb CIRVEAU standen Diskussionen über die Zukunft der Kalbfleischerzeugung im Mittelpunkt. Themen waren unter anderem Tierwohl, Haltungssysteme, die Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes sowie sich wandelnde Verbraucheranforderungen.
IFIP: Präzisionstechnologien in der Schweinehaltung
Das Institut für Schweine- und Schweinefleischforschung (IFIP) in Romillé zeigte die aktuellen Forschungsprojekte zur Steigerung von Effizienz, Nachhaltigkeit und Tierwohl. Die Journalistinnen und Journalisten besichtigten die Versuchseinrichtungen, in denen Forschende an Präzisionsfütterungssystemen, innovativen Lüftungstechnologien und digitalen Überwachungslösungen arbeiten.
Besonderes Interesse weckten Projekte, bei denen Mikrofone und Kameras eingesetzt werden, um die Interaktionen zwischen Sauen und Ferkeln zu analysieren und Tierwohlprobleme frühzeitig zu erkennen. Darüber hinaus umfasste das Programm Präsentationen zur Wassernutzungseffizienz, zum Sauenmanagement in Gruppenzyklen sowie zur Fleischverarbeitung.
Künstliche Intelligenz für das Management von Geflügelbeständen
In Iffendic besuchten die Teilnehmenden den familiengeführten Geflügelbetrieb von Chantal Lepage und Ludovic Perrin. Das Unternehmen beteiligt sich an Tests des KI-basierten Überwachungssystems coMI SENSE, das von der Groupe Michel Nutrition Animale entwickelt wurde. Es kombiniert Ton- und Videoanalysen, um Auffälligkeiten in Geflügelbeständen zu erkennen und Managemententscheidungen zu unterstützen.
Die Gespräche befassten sich zudem mit der Verfügbarkeit von Arbeitskräften, der Flexibilität der Produktion, Marktanforderungen sowie den Herausforderungen durch veränderte klimatische Bedingungen.
Robotik reduziert Arbeitsaufwand auf Milchviehbetrieb
Der letzte Besuch führte die Medienvertreter zum Milchviehbetrieb „Des Trois Villages“ in Carentoir. Dort demonstrierten die Landwirte Guillaume Buchet und Anthony Bagot, wie Robotik die Effizienz steigern und den Arbeitsaufwand reduzieren kann.
Der Betrieb hält 150 Milchkühe und produziert jährlich rund 1,5 Millionen Liter Milch. Investiert wurde unter anderem in einen Rotationsmelkstand und einen automatisierten Fütterungsroboter. Nach Angaben der Betriebsleiter spart allein der Fütterungsroboter rund 650 Arbeitsstunden pro Jahr und gewährleistet gleichzeitig eine gleichmäßige Futtervorlage. Der Besuch bot außerdem Gelegenheit, über Hofnachfolge, Investitionsstrategien sowie die Auswirkungen internationaler Handelsabkommen und umweltrechtlicher Vorgaben auf zukünftige betriebliche Entscheidungen zu diskutieren.
Zentrale Erkenntnisse
Die Studienreise in die Bretagne machte deutlich, wie dynamisch sich digitale Technologien in den wichtigsten Bereichen der Nutztierhaltung entwickeln. Von Künstlicher Intelligenz und Präzisionsüberwachung über Robotik bis hin zu modernen Bildgebungssystemen tragen Innovationen zunehmend dazu bei, Produktivität, Nachhaltigkeit und Tierwohl zu verbessern.
Für die teilnehmenden Journalistinnen und Journalisten bot das Programm wertvolle Einblicke sowohl in die Chancen als auch in die Herausforderungen der europäischen Nutztierhaltung. Ebenso wichtig waren die direkten Gespräche mit Landwirten, Forschenden und Branchenvertretern, die den Wert der ENAJ-Studienreisen als Plattform für fachlichen Austausch, Weiterbildung und internationale Vernetzung unterstrichen.
ENAJ dankt allen Gastgebern, Referentinnen und Referenten sowie den Teilnehmenden für ihren Beitrag zu dieser informativen und erfolgreichen Pressereise, die von der Europäischen Union finanziert wurde.
Ich habe die Pressetour in die Bretagne sehr genossen. Am spannendsten fand ich die Besuche in den Forschungsfarmen CIRVEAU im Bereich Kälbermast und IFIP für die Schweinehaltung. Beide machen sehr praxisnahe Forschung.
Wir konnten uns dort anschauen, wie aktuelle Haltungssysteme für Schweine in Frankreich aussehen, welche Alternativen es in Zukunft geben könnte und welche Themen die französischen Landwirte und Wissenschaftler derzeit beschäftigen. Dabei war es faszinierend, zu sehen, mit wie viel Begeisterung und Leidenschaft die Wissenschaftler ihrer Arbeit nachgehen. Neben den fachlichen Inhalten habe ich auch die Zeit mit den anderen Journalisten rundum genossen.
Es war schön, so viele Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und Herkünften kennenzulernen, die alle die Begeisterung für Tierhaltung verbindet. So gab es zwischen den Programmpunkten zahlreiche nette Gespräche und Begegnungen.