Der Fachjournalismus und die Generative KI, Creator- und Influencerwirtschaft
Welche Entwicklungen beeinflussen 2026 die internationale Medienbranche? Die aktuelle Reuters-Studie „Journalism and Technology Trends and Predictions 2026“ bildet die Umwälzungen sowie die damit verbundenen Risiken und Chancen für den Journalismus ab. Auch der Fachjournalismus ist längst mehr davon betroffen als in der täglichen Arbeit vielleicht wahrnehmbar ist.
In der Reuters-Studie „Journalism and Technology Trends and Predictions“ analysiert der Studienautor Nic Newman die Einschätzungen von internationalen Führungskräften aus der Medienbranche zur aktuellen Entwicklung von Journalismus-, Medien- und Technologietrends.
Die Studie macht sehr klar deutlich, dass Generative KI sowie die Creator- sowie Influencereconomy die Medienlandschaft zunehmend und verändert bzw. verändern wird. Als große Herausforderung für die Medien sehen die Befragten das Wachstum dieser Branchen. Damit verbunden ist, dass Personen aus Politik und anderen öffentlichen Bereichen zunehmend traditionellen Medien ausweichen und stattdessen über Creator- oder Influencer-Kanäle den Kontakt zur Öffentlichkeit herstellen. Zudem wird als großes Problem wahrgenommen, dass Suchmaschinen KI-gesteuerte Antworten liefern und damit den Traffic zu den Verlagen unterlaufen.
Dramatischer Rückgang von Such-Traffic
Medienhäuser erwarten über die nächsten drei Jahre einen Rückgang der Besucherzahlen über Suchmaschinen um über 40 Prozent, weil KI-gestützte Antwort-Systeme („Answer Engines“ wie Google AI Overviews, Chatbots etc.) Nutzer direkt informieren, ohne dass sie auf Nachrichten-Websites klicken müssen. Daten zeigen, dass dieser Rückgang bereits begonnen hat: Google-Traffic auf Nachrichtenseiten ging global um etwa 33 Prozent zurück.
Konsequenz: Das klassische Such-Referral-Modell, das für viele Nachrichtenportale lange die wichtigste Traffic-Quelle war, ist in einer tiefen Krise.
Die Rolle der KI im Journalismus
Generative KI verändert redaktionelle Arbeit und Distribution: Viele Verlage nutzen KI bereits für Automatisierung, Newsgathering, Produktentwicklung und Distribution. KI wird als wichtiges Werkzeug gesehen, aber auch kritisch bewertet — etwa hinsichtlich ethischer Kontrolle, Zuverlässigkeit oder Einfluss auf redaktionelle Qualität.
Veränderung von Inhalten und Formaten
Medienhäuser passen Content-Strategien an, um Inhalte zu schaffen, die schwer von KI-Antworten reproduziert werden können. Das sind beispielsweise investigative Berichte, tiefgründige Analysen oder Original-Reporting & kontextreiche Stories.
Auch Audio-Formate (Podcasts, Radio) gewinnen an Bedeutung, da sie weniger von „Zero-Click“-Phänomen betroffen sind und stärkere Nutzerbindung erzeugen. Laut Studie planen ca. 71 Prozent der Führungskräfte, 2026 verstärkt in Audio zu investieren. Video-Formate (zum Beispiel YouTube) und plattformnative Distribution sind ebenfalls zentraler Teil der Strategie.
Vertrauen, Zukunftsoptimismus & Geschäftsmodelle
Nur etwa 38 Prozent der befragten Medienverantwortlichen sind zuversichtlich bezüglich der Zukunft des Journalismus — ein Rückgang gegenüber früheren Jahren. Gründe sind u. a. sinkende Reichweite, politische Angriffe auf Journalismus und vertrauenspolitische Spannungen. Abonnements und Mitgliedschaften bleiben die wichtigste Einnahmequelle, ergänzt durch Events, native Werbung und Plattform-Finanzierungen.
Creator und Influencer gewinnen an Bedeutung
Traditionelle Nachrichtenmarken stehen unter Wettbewerbsdruck durch Creator- und Influencer-Medien. Viele Medienleiter wollen ihre Mitarbeiter dazu ermutigen, sich stärker als Content-Creator zu verhalten. Das Publikum — vor allem Jüngere — wendet sich zunehmend Plattformen und Persönlichkeiten zu, die authentischer oder zugänglicher erscheinen.
Mehr Zusammenarbeit mit Creatorbranche
Der Aufstieg von individuellen Nachrichtenproduzenten und Influencern ist laut dem Deutschen Fachjournalistenverband für Publisher auf zweierlei Weise ein Problem. Zum einen würden diese den Inhalten der Medienhäuser Zeit und Aufmerksamkeit entziehen. Zudem befürchteten die Medienhäuser schon jetzt, zukünftig die besten eigenen redaktionellen Talente an die Creator-Branche zu verlieren.
Eine Antwort auf diese Entwicklung könnte sein, eigene Mitarbeiter als Creator aufzubauen oder mit Creatorn zusammenzuarbeiten. Einige wollen laut Studie sogar eigene Creator-Studios einrichten und Joint Ventures unterstützen.
Die Gefahr: Die KI greife zunehmend zeitlose, erklärende und serviceorientierte Inhalte ab, die den qualitativ hochwertigen Fachjournalismus ausmachen. Gerade Fach-Content, der auf Expertise, Einordnung und Verlässlichkeit setze, werde von KI extrahiert, verdichtet und in Such- und Antwortsystemen ausgespielt, ohne dass Reichweite, Vergütung oder auch Markenbindung bei den Urheberinnen und Urhebern ankäme.
Zugleich zeige die beschriebene Neuausrichtung des Verhältnisses von Journalismus und Creatorbranche auch Chancen für den Fachjournalismus auf: Fachkompetenz, persönliche Glaubwürdigkeit und Publikumsvertrauen würden in einer fragmentierten Medienöffentlichkeit an Bedeutung gewinnen.
Gerade für freie Fachjournalistinnen und -journalisten sieht der Verband darin eine Chance, sich als Personenmarken zu positionieren, ihre Expertise sichtbar zu machen und direkte Beziehungen zu Communities aufzubauen – etwa über Newsletter, Podcasts, Videos, Events oder Mitgliedschaftsmodelle. Fachjournalismus könne so den digitalen Wandel für sich nutzen und weiter an Profil gewinnen.
Fazit der Studie
Die Medienlandschaft 2026 befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. KI-basierte Antwortsysteme verändern, wie Menschen Nachrichten konsumieren; klassische Traffic-Modelle schwinden; Content-Strategien und Geschäftsmodelle müssen neu ausgerichtet werden. Gleichzeitig entstehen neue Chancen in Audio-, Videobereich und im Aufbau direkter Beziehungen zu Publikum und Creatorsystemen.