Der Bauer als Molkereichef: Landesgruppe Baden-Württemberg erkundet ungewöhnliches Projekt

Thomas Schäfer wagte den Sprung vom Landwirt zum Molkereichef. Er ist Geschäftsführer von TüBio. Foto: Amler

Wie kommt man als Bauer zu einer Molkerei? Thomas Schäfer aus Bodelshausen muss da erst einmal tief Luft holen. Es ist eine lange Geschichte, von viel Arbeit, Bürokratie, Enthusiasmus und Ärger. Und man kann noch nicht sagen, wie sie ausgeht.

Alles begann mit einem Ende, dem Ende von  „Unsere kleine Molkerei“ in Tübingen

Im Jahr 2009 schloss Allgäuland
den Betrieb an der Rappstraße. Die Einwohner der Universitätsstadt waren erschrocken. „Wo kriegen wir jetzt unsere Milch her?“ Thomas Schäfer erschrak auch. Er belieferte die Molkerei. Seine Milch bekam er trotzdem los, nur mit dem Ende der Molkerei wollte sich der Landwirt nicht abfinden. „Wir machen Produkte für die Menschen, die hier leben.“ Deshalb gründete er mit vier anderen Kollegen die Tübinger Bio-Bauernmilch GmbH, kurz TüBio. Dass Schäfer an der Spitze stand, ist kein Zufall. Es war wie in der Schule. Irgendwann schauen alle zu dem einem hin, dem man es zutraut – Thomas Schäfer. Er ist seit 1991 auf dem Birkenhof in Bodelshausen. 120 Hektar, davon 90 Hektar Grünland, 70 Milchkühe, Pensionspferde. Er probiert gerne Neues aus. Auch in der Milch. Die Geburt seiner Tochter brachte ihn zum Nachdenken. „Als meine Tochter klein war, sollte es bei ihrer Ernährung bio sein.“ Seine Erzeugnisse waren es nicht. Er arbeitete sich ein und stellte bis 1996 auf Bio um. „Das funktioniert in Bodelshausen nie“, prophezeite man ihm. Aber es ging. 2002 begann er mit dem Direktverkauf seiner Milch an der Haustür. Der Start war ernüchternd. „Die Welt wartet ja nicht auf uns. Die Kunden mussten wir praktisch einzeln rauslocken.“ Es dauerte fünf Jahre, bis es lief. Fünf Jahre, in denen Schäfer Probierflaschen vor die Türen stellte, Anzeigen schaltete, redete, redete und schließlich überzeugte. Er hat jetzt etwa 300 Kunden und verkauft so 50.000 Liter Milch im Jahr.

Schwierig war es: Thomas Schäfer erzählte den Kollegen alles über den langen Weg. Foto: Amler

Das zeigt, der Bauer vom Birkenhof ist ein zäher Mann. So einer musste es als Geschäftsführer von TüBio sein. Doch von der Idee zum Betrieb ist ein weiter und teurer Weg. Meist geht der Enthusiasmus der Kunden dabei verloren. Nicht so in Tübingen. Die neue Molkerei stand zuerst vor dem üblichen Problem: Hohe Investitionen für Milchverarbeitung und Verpackung. Unterschiedliche Modelle rechneten die Gesellschafter durch. „Ein bissel Molkerei geht nicht.“ Schließlich gaben sie Genussrechte aus, das sind praktisch Darlehensscheine ohne Stimmrecht und Besitzansprüche. Rund 120 Genussrechtler machten mit, wegen der Sache, wie Schäfer betont. 300.000 Euro kamen so zusammen. Das bestärkte die TüBio-Gründer. Noch einmal 350.000 Euro über Kredite, der Rest über Eigenmittel und Fördermittel, insgesamt 850.000 Euro. Als die Finanzierung stand, ploppte die nächste Frage auf: Wie liefern? Flaschen kamen für Schäfer nicht infrage, eine Erfahrung aus 15 Jahren Direktvermarktung. „Bei Mehrweg hast du Sauerei. Die Reinigung ist zu aufwendig, üblicherweise ist ein Viertel aller Flaschen verdreckt.“ Tetra-Pak? Das brachte die Tübinger Kundschaft auf die Palme. Nach langen Suchen fand Schäfer eine Lösung: Abfüllung im Beutel. Die passende Maschine besichtigte er in Schweiz, bekam sie gleich danach angeboten und griff zu. Die Maschine musste er erst kennen lernen, am Anfang gab es Probleme. Die Beutel musste er den Kunden erklären. Die Beutel besitzen einen Luftgriff, stehen und lassen sich ausgießen. Dicht sind sie sowieso, zwei Mitarbeiter prüfen sie, bevor ausgeliefert wird. „Der Beutel wiegt nur halb so viel wie ein TetraPak und besteht zu 40 Prozent aus Kreide“, erläutert der Milchbauer. So eine Ökobilanz kommt gut an in Tübingen.

 

Prunkstück im Neubau: Die Verpackungsmaschine füllt die Tübinger Bio-Bauernmilch in Beutel ab.

Rund 4500 Beutel sind auf einer Rolle, bis zu 2000 pro Stunde füllt die Maschine. Aber noch läuft sie nicht auf vollen Touren. Foto: Amler

Die Milch kommt von den fünf Gesellschafterhöfen, sie nimmt aber den Umweg über das Milchauto von Arlafoods, ein Überbleibsel der Milchquote. Da nur die Molkerei erfassen durfte, liefern die Bauern bis heute ihre gesamte Milch an die Arla ab. Die Menge, die sie selbst für TüBio und Direktvermarktung nehmen, kaufen sie zurück. Der Milchwagen füllt sie in den 5000-Liter-Tank am Anfang der Anlage. Danach fließt die Milch über eine Pasteurisierungsanlage in den Neubau. Dort steht die Verpackungsmaschine, das Prunkstück. Eine große Rolle mit 4500 Beuteln hängt an ihrem Ende. Die Beutel werden paarweise eingezogen und aufgeschnitten. Dann kommt die Bio-Milch hinein, die Beutel werden verschweißt und Luft in den Griff geblasen. Rund 2000 Beutel pro Stunde könnte die Maschine füllen. Aber das tut sie nicht. Denn auch die Vermarktung der neuen Milch ist schwierig. „Auch dort wartet niemand auf uns.“ Die Konkurrenz ist groß. TüBio ist im Supermarkt eine von vielen Marken, regional und Bio sind andere auch. Aber aus Tübingen kommt nur TüBio. „Und wenn der Kunde das will, dann geht es“, stellt Schäfer fest.

 

Drei Jahre ist TüBio jetzt am Markt. Noch immer bedient Schäfer die Maschine, er fährt nach wie vor die Haupttouren für seine Direktkunden. Da klingelt sein Wecker um 1.45 Uhr. Seinen Hof hat er auch noch, doch am anstrengendsten waren die Auseinandersetzungen mit seiner Bank. Die Auflagen und Forderungen mit Zwischenfinanzierung, Nachfinanzierung, Sicherheiten und noch mehr Sicherheiten lagen ihm wie ein Klotz im Magen. „Als Bauer hängt man an seiner Bank, aber …“

Hat sich der Stress gelohnt? „Es ist eine andere Wertschöpfung. Und wir sind zumindest krisensicher aufgestellt. Einen Weg nach unten werden wir zumindest nicht in dem Umfang mitgehen müssen“, meint Thomas Schäfer, da ganz Geschäftsführer. Zwei Jahre noch, schätzt er, dann steht das Projekt auf sicheren Beinen. Die Vermarktung verbessern, das ist das nächste Ziel. TüBio will in noch mehr Läden. Die Welt wartet nicht. Aber sie gehört dem Mutigen.

 

TüBio
Tübinger Bio-Bauernmilch
Birkenhof
72411 Bodelshausen

Geschäftsführer: Thomas Schäfer
Tel. +49 1 72/89 01 01 4
info@tue-bio.de
www.tue-bio.de

Dieser Beitrag wurde unter Baden-Württemberg abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.