Im Herzen der Börde

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Ein grandioser Ausblick bot sich in luftiger Höhe über den neuen Getreidesilos.
Foto: Mühlhausen

Gute Aussichten – diese Aussage konnten die Mitglieder der Landesgruppe Niedersachsen/Sachsen-Anhalt im Herbst bei ihrem Besuch der Beiselen GmbH an deren Standort Magdeburg wörtlich nehmen. Denn 2013 konnte das Unternehmen dort nach zwei Jahren Bauzeit und rund 20 Millionen Euro Investitionssumme ein neues Lager, eine sehr leistungsfähige Annahme inklusive automatischer Probenahme, ein Labor sowie eine Verladeanlage direkt an einem Stichkanal mit Anschluss an die Elbe bzw. den Mittellandkanal in Betrieb nehmen.

Die 82.000 t Kapazität des neuen Lagers resultieren aus 15 Hochsilos mit rund 28 m Höhe. Im Rahmen eines Rundganges durch die verschiedenen Bereiche und Ebenen von Annahme, Aufbereitung und Logistik innerhalb des Gebäudes erklommen die rund 15 Teilnehmer dieses VDAJ-Termins auch die Spitze der Silos. Von dort aus bot sich nicht nur ein faszinierender Überblick über die Anlage, sondern weit ins Land – eben gute Aussichten.

Rainer Schuler und Dr. Hans-Bernhard Overberg (beide Beiselen-Geschäftsführer) sowie Dirk Ungerland (Regionalleiter Ost) nutzten die Gelegenheit, ihren Gästen die Leistungsfähigkeit der Anlage ausführlich zu erläutern. Beiselen war auch vorher schon in Magdeburg aktiv, allerdings reichten die bisherigen Lagerkapazitäten von knapp 100.000 t angesichts des wachsenden Umschlagsvolumens nicht mehr aus. Durch den Neubau wuchs die stündliche Annahmeleistung von 400 auf nun bis zu 1.300 t.

Pro Tag wurden schon im ersten Jahr an den beiden, wenige hundert Meter voneinander entfernten Beiselen-Standorten in Magdeburg zusammen bis zu 12.000 t täglich angenommen. Lange Staus der anliefernden Lkw gehören somit seit Inbetriebnahme der neuen Anlage der Vergangenheit an, wie Rainer Schuler zufrieden berichtete. Außerdem ist es möglich, unterschiedliche Güter wie zum Beispiel Raps und Gerste dank mehrerer getrennter Annahmegassen und Förderer parallel und zeitgleich anzunehmen.

Zweistufigkeit erhalten

Aber nicht nur der sehr interessante Rundgang durch die moderne Welt der Getreidelogistik faszinierte die VDAJ-Gruppe, sondern auch das anschließende, intensive Gespräch über Märkte und Trends. Denn Beiselen gehört zu den namhaften deutschen Großhändlern für Getreide, Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmittel. Dank des schwäbischen Mottos „Tue Gutes und schwätz net lang drüber“ hat sich das 1890 gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in Ulm zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt für Agrarprodukte entwickelt und ist nach eigener Darstellung einer der wenigen verbliebenen deutschen Großhändler aus dem so genannten privaten Sektor, wie Rainer Schuler erläuterte.

Den Jahresumsatz bezifferte er auf etwa 1,5 Mrd. Euro. Der sehr starke Strukturwandel in der Landwirtschaft habe in den zurück liegenden zehn Jahren auch vor dem Landhandel und damit ebenso vor dem Großhandel nicht halt gemacht, so der Firmeninhaber weiter. „Trotzdem setzen wir konsequent auf die Strategie der Zweistufigkeit – dort, wo wir Partner im Landhandel haben oder finden.“ Nur in den Regionen, in denen diese Strukturen fehlen, werde das Unternehmen auch selbst aktiv, um vor allem dem starken Wettbewerb der Hauptgenossenschaften etwas entgegen setzen zu können, erläuterte Dr. Overberg ergänzend.

Dies geschehe auf unterschiedlichen Wegen, entweder über Beteiligungen, kompletten Übernahmen bestehender Firmen oder dem Aufbau neuer, eigener Strukturen. Mittlerweile agiert Beiselen in Deutschland mit insgesamt 19 Vertriebs- und Lagerstandorten, davon zwei in Österreich. Hinzu kommen rund sieben Landhandelsbeteiligungen mit zahlreichen Standorten. Der „einstufige“ Anteil hat bei Beiselen aber nach wie vor nur einen Anteil von 20 Prozent. Besonderer Fokus liegt in der Standort- und Logistikplanung auf dem Thema Schifffahrt, denn Getreide und Raps werden überregional fast ausschließlich auf dem Wasserweg transportiert.

„Zentrale Aufgabe ist es für uns als Großhändler, unseren Kunden entsprechende Wertschöpfung bzw. Nutzen und Dienstleistung zu bieten, was zum Beispiel in der Logistik heute ganz andere Konzepte erfordert als man klassisch vom Großhandel kennt. Dieser Herausforderung stellen wir uns durch kontinuierliche, hohe Investitionen in Standorte, Technik und Mitarbeiter“, so der Firmeninhaber.

Großhandel als Dienstleister

Weiten Raum in der Diskussion mit der VDAJ-Gruppe nahmen auch Fragen rund um die Marktentwicklung ein, vor allem mit Blick auf Getreide, Dünger und Pflanzenschutzmittel, den drei Umsatz-Hauptstandbeinen des Unternehmens. Im letztgenannten Segment sieht sich Beiselen nach eigener Darstellung bundesweit sogar als Marktführer im Großhandel, wie Dr. Overberg unterstrich. Die derzeitige Versorgungssituation weltweit bei Getreide und Ölsaaten sei gut und somit seien keine Engpässe, also auch keine überdurchschnittlichen Preissteigerungen, zu erwarten.

Auch bei Dünger und Pflanzenschutzmitteln sei keine eindeutige Tendenz erkennbar, außer, dass generell die Volatilität zunehme und dem Großhandel mehr denn je eine Pufferfunktion zukomme.

Neben spekulativen Einflussfaktoren und der Getreidepreisentwicklung als Maßstab der Anbauintensität sei auch die Kapazitätsplanung der Industrie ein wichtiger Aspekt. „Bei Pflanzenschutzmitteln haben die Hersteller 2011/2012 die Marktentwicklung global schlichtweg unterschätzt, mit der Folge deutlicher Lieferengpässe. Deutschland hat vor allem aufgrund der Tatsache eines relativ hohen Preisniveaus deshalb nur wenig davon gespürt, aber die Lager waren auch hierzulande zeitweise geräumt. Das hat sich inzwischen wieder gebessert. Insgesamt erwarten wir für die Saison 2014 nach derzeitigem Stand bei Pflanzenschutzmitteln keine Engpässe und Preisspiralen nach oben“, so die abschließende Einschätzung seitens Rainer Schuler und Dr. Hans-Bernhard Overberg.

Schwieriges Umfeld

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Dr. Annelore Koesling und ihr Mann Tim stellten der Gruppe ihren landwirtschaftlichen Betrieb in Samswegen vor.
Foto: Noordhof

Im Anschluss an die Marktdiskussion bei Beiselen nutzten VDAJ-Mitglied Dr. Annelore Koesling und ihr Mann Tim die Gelegenheit, ihren landwirtschaftlichen Betrieb „Ohreland KG“ in Samswegen vorzustellen. Vor gut 20 Jahren gegründet, bewirtschaftet der Betrieb mit 34 Mitarbeitern heute knapp 2.000 ha, davon 400 ha Eigentum. Eine Biogasanlage und gut 1.200 Kühe (10.000 l durchschnittliche Leistung pro Kuh) plus Nachzucht bilden weitere Standbeine.

Zu Recht stolz ist das Landwirts-Ehepaar, den Betrieb nach äußerst schwierigen Anfängen aus eigener Kraft auf solide Füße gestellt zu haben. Bedenklich stimmt die beiden allerdings die negative Stimmung von Teilen der Bevölkerung gegenüber der Landwirtschaft, ein Problem, dass nach Geflügel- und Schweinehaltern auch die Rindviehbetriebe erfasst habe. An der gesellschaftlichen Diskussion über das, welche Form der Landwirtschaft und der Nahrungsproduktion die Konsumenten wollen und was sie dafür bereit sind, zu zahlen, müsse sich noch einiges ändern, so Tim Koesling. Tage des offenen Hofes seien zwar wichtig, reichten in dieser Hinsicht aber nicht aus, so seine Einschätzung. Bedenklich stimmt ihn, dass in diesem negativen Klima der Trend zunehme, dass Landwirte trotz gut strukturierter Betriebe aus der Produktion aussteigen.

Jens Noordhof

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