Neue Bedeutung für „Vater Unser“-Bitte

Erstellt am Donnerstag, 19. Juni 2008 01:18

Auch wenn die Bitte „Gib uns unser täglich Brot“ im heutigen 21. Jahrhundert zumindest in den westlichen Industriestaaten eher zweitrangig erscheint, legte der Schleswiger Bischof Dr. Hans Christian Knuth am vorigen Donnerstag in der Domstadt weiter großen Wert auf diese Aussage. Vor Agrarjournalisten verknüpfte er die Verantwortung, die sich für jeden Christen daraus ergebe mit einem neuen, dynamischeren „kategorischen Imperativ“: „Handle stets so, dass du dich jederzeit durch die Folgen deines Handelns korrigieren lassen kannst.“ Dies bezog er auf die Welternährungslage, die die evangelische Kirche seiner Aussage zufolge intensiv beobachtet.

Angesichts des Klimawandels und der Verknappung der Nahrungsmittel spitze sich die Situation in vielen Ländern zu. Während die Industrieländer den Preisanstieg durchaus verkraften könnten, seien die armen Länder die eigentlichen Leidtragenden. Sie seien damit die Opfer einer Entwicklung, die sie selbst nicht zu verantworten hätten. Insbesondere der Entwicklung im Bereich der Agrotreibstoffe bescheinigte er negative Effekte in diesen Ländern. Für importierte Biotreibstoffe müssten daher nicht nur ökologische, sondern auch soziale Standards in den Herstellerländern gelten, forderte Knuth.

Ein besonderes Augenmerk richtete der nordelbische Kirchenvertreter auf den tagtäglichen Verlust wertvollen Ackerlandes. Als „dramatisch“ bezeichnete er den andauernden Landverlust durch den Klimawandel aber auch durch einen nachlässigen Umgang mit der endlichen Ressource Boden. Allein in Deutschland würden täglich etwa 120 Hektar versiegelt. Dieses zu stoppen sei eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Hunger habe aber nicht nur mit der Produktion, sondern auch mit dem Konsum zu tun. Der hohe Fleischkonsum des Westens könne kein Vorbild für die Welt sein, kritisierte Knuth.

Das Vaterunser lehre, alles mit Lob und Dank zu empfangen, es lehre zudem das rechte Haushalten mit dem Empfangenen. Der Vorrang gehöre daher nicht „Geschäften mit schnellem Gewinn“, sondern dem Recht auf Nahrung für jeden Menschen. Knuth weiter: Das Gebet lehre auch, das rechte Maß zu finden. Heute definiere man das tägliche Brot sehr viel üppiger als in beispielsweise in der Nachkriegszeit. Neben der Notwendigkeit des Verzichts gehe es auch um den „richtigen“ Konsum, um fairen Handel, der den Bauern ein vernünftiges Einkommen ermögliche. Nicht zuletzt lehre das Gebet, mit und nicht gegen den Nächsten zu leben, so Knuth. Er forderte nachhaltige Strukturen, was er für die Entwicklungsländer mit „kleinbäuerlich“ übersetzte. Auch an der Kirche übte der scheidende Bischof Kritik. Oftmals würden diese „vorletzten“ Fragen mit einer Überzeugung vorgetragen, die den „letzten“, den Glaubensfragen gebühre. Das sei eine „Berufsgefahr“ der Pastoren, gab er zu.

Sönke Hauschild

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